Aus dem Katalog zur Gruppenausstellung „Zuhause / at home. Künstlerische Positionen auf Wohnen,Obdach und Unterkunft “

Osthaus Museum Hagen, 28. Februar bis 21. Juni 2026

Dr. Pia Goebel, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung

Verlag Kettler 2026, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN 9783987412349, Herausgeber: Pia Goebel / Hagen Osthaus Museum

 

LUISE RITTER

Mit feinem Gespür für Details und Veränderungen beobachtet und untersucht Luise Ritter (*1987 in Leipzig) ihre unmittelbare Umgebung. Zentral für ihre zeichnerische Praxis ist die Darstellung von Wohn- und Stadtraum, von erlebten Innen- und Außenräumen. Die Künstlerin überführt diese aus ihrer Erinnerung in präzise Linienzeichnungen, wobei der isometrischen Ansicht eine besondere Rolle zukommt. Neben Arbeiten auf Papier realisiert sie Objekte und oftmals partizipative Interventionen im öffentlichen Raum.

 

„1. OG links Zimmer hinten rechts“ (2014) gibt den Blick auf ein WG-Zimmer frei. Mit Window Color hat Luise Ritter den möblierten Raum detailreich auf einen kleinen Glaskubus gezeichnet. Die Flächen des Kubus werden gleichsam zur transparenten Raumhülle: Wände, Decke und Boden werden zu Projektionsflächen für die maßstabsgetreue Wiedergabe. Benennt der Titel der Arbeit ganz sachlich die Lage des Raums in einem konkreten Gebäude, so vermitteln der spielerische Rückgriff auf Bastelfarbe, die Dimensionen des Objekts und die in feinen Linien wiedergegebene persönliche Note der Raumeinrichtung ein Gefühl der Intimität.

 

Die Installation „Aus dem Häuschen“ (2019) verhandelt die Auswirkung von Entmietungsprozessen auf die Gefühlslage betroffener Mieter:innen. Den Ausgangspunkt bildet konkret die Erfahrung einer Person, der nach mehrfach unfreiwilligem Wohnungswechsel erneut der Verlust der aktuellen Mietwohnung droht. Mit Bleistift hat Luise Ritter eine isometrische Ansicht besagter Wohnung auf Papier gebracht. Auch hat sie ein Wellpappenobjekt geschaffen, dessen Form aus der Abwicklung eines Modells der Wohnung im Maßstab 1:10 resultiert. Auf diesem sind mit Farbstift in realistischer Manier Detailansichten des Wohnraums wiedergegeben, etwa eine Topfpflanze oder ein Blick ins Bücherregal. Umgangssprachlich beschreibt aus dem Häuschen sein einen Zustand freudiger Erregung. Bezogen auf den Entmietungsprozess liest sich der Titel als euphemistische Anspielung und zugleich als Umschreibung für den in Aufruhr befindlichen Gemütszustand der Mieterin in der Kötzschauerstraße 7b in Leipzig. Ihr Wohnraum liegt in Luise Ritters Installation aufgefaltet da, er ist den Blicken der Betrachter:innen gewissermaßen ausgeliefert – ebenso wie realiter den Blicken jener Personen, die ihn im Zuge des Entmietungsprozesses ungeladen durchschreiten und seine Privatheit bedrohen. Die Zeichnung auf Wellpappe und das aus Packdecken, Umzugskartons und Bauplatten realisierte Podest verweisen in ihrer Materialität gleichermaßen auf den drohenden Umzug.

 

„Wohnungshüpfen“ wurde von Luise Ritter 2024 für das Projekt Kaleidoskop Südpark in Halle-Neustadt konzipiert und erstmals realisiert. Die Arbeit wird nun für die Dauer der Ausstellung in Hagen auf dem Museumsplatz dazu einladen, durch den Grundriss einer P2-Plattenbauwohnung samt Treppenhaus zu hüpfen, zu laufen und Handlungsvorschläge umzusetzen.

Anlässlich der Einzelausstellung "Georgium" 

Anhaltische Gemäldegalerie Fremdenhaus Grafische Sammlungen Dessau, Januar bis Oktober 2020

Dr. Dorothée Bauerle-Willert, Kunsthistorikerin und Autorin, Präsidentin des Internationales Künstler Gremium (IKG)

 

Seit etlichen Jahren verfolge ich das eigenständige Werk von Luise Ritter, die ich während meiner Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, an der sie von 2008 bis 2014 studierte, kennenlernte. Inspiriert von ihren Studienaufenthalten in Rom 2011-2012 folgte Luise Ritter 2019 der Einladung des Büro Otto Koch nach Dessau mit großem Interesse an den von Italienreisen angeregten Architekturen im Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Während ihres vierwöchigen Arbeitsaufenthalts widmete sich die Zeichnerin dem Landschaftspark Georgium mit seinen von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff entworfenen Architekturen. Danach, aus ihren Skizzen und Erinnerungen, entwickelte sie die Zeichnungen, die von Januar bis Oktober 2020 in ihrer Ausstellung Georgium im Fremdenhaus im Park Georgium zu sehen waren. Zur Eröffnung der Ausstellung am 19. Januar habe ich im Gespräch mit Luise Ritter ihre Intentionen und Arbeitsweise beleuchtet.

 

Mit ihrem zeichnerischen Werk macht Luise Ritter den Begriff des ‚Disegno‘, der sich seit der Renaissance als kunstwissenschaftlicher Terminus ausformulierte, auf präzise und luzide Weise gegenwartstauglich. Seither umreißt Zeichnung ein zweifaches Ansinnen an die Kunst und markiert damit auch das Spannungsfeld, in das sich unser Begriff von Kunst einordnet. Das lateinische Wort 'designatio' umfasst das Bedeutungsfeld von Bezeichnung, Begrenzung, Anordnung, Ernennung. Im italienischen 'disegno' tritt die Lesart 'räumliche Abgrenzung' zusammen mit der des Plans in den Vordergrund und bezeichnet so ein Konkretes und zugleich ein Geistiges. Die Zeichnung soll etwas aus der Vielzahl der Erscheinungen auswählen und in eine neue räumliche Ordnung einfügen. Zugleich aber soll die Zeichnung etwas greifbar machen, was sich der Sichtbarkeit entzieht. Neben das neue (oder wiederbelebte) Gebot der Naturnachahmung (das das Gebot der Richtigkeit enthielt) stellt sich so das Gebot der Naturüberwindung. Aus der Einbildungskraft des Künstlers hervorgehend, verwandelt sie die Erscheinungen, bringt Neues, noch nicht Realisiertes, also eine Idee, zur Anschauung. ‚Disegno‘ ist damit nicht nur das, was der Künstler entdeckt und nachbildet, sondern das was er entwirft.

 

In diesem Sinn beobachtet und erforscht Luise Ritter Innen- und Außenräume, durchmisst und durchleuchtet im Medium der Zeichnung architektonische, aber auch soziale und historische Strukturen. Im Nachklang ihrer Gänge durch das Gelände und die Gebäude des Parks Georgium entstehen die Zeichnungen, die Erfahrung, Erinnerung, Imagination und Mimesis auf sehr eigenwillige Weise mit einander verbinden. Das immer unabwägbare Verhältnis von Realem und Fiktivem gewinnt durch die Einbildungen der Künstlerin eine ganz frische Plastizität. Ähnlichkeit und Differenz, Modell und Original werden in neuen poetischen Sinn gesetzt. Dabei wird auch der Zwischenraum von vorher und nachher thematisiert, indem die Nachträglichkeit aller Kunst in den Blick rückt: Eine Kunst nach der Natur eröffnet ja zwei verschiedene Lesarten, eine temporale, in der ein Abschied von der romantischen, belebten Naturerfahrung anklingt und eine modale, die die Aneignung eines Vorwurfs meint.

 

In ihren zeichnerischen Erkundungen verbindet Luise Ritter gleichsam Bodenhaftung mit Perspektive - und genau dieses Doppel lässt sich im Programm des Dessauer Gartenreichs erfahren: Verwurzelt bleiben und den Gedankenflug in die Ferne schicken. Lernen, dass die Wege zum Ziel oft verschlungen sind, erfahren, dass das, was wir sehen, nie das Ende bedeutet. Die Zeichnungen Luise Ritters korrespondieren der Idee des Parks und seinen Gebäuden, die nicht die Kopie an anderen Orten gesehenen Gartenbilder und Bauwerke, sondern eine über die Vorbilder hinausgehender Synthese der verschiedensten Kunstgattungen anstrebte: Wie die Gestaltung des Parks, wie der Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff experimentiert auch die Künstlerin mit Konkretem und Erfundenem, vereint Potentialität und Flexibilität. Wie das Gartenreich selbst sind diese Arbeiten Recherche der Erzeugung räumlichen Wissens und Reflektion der Bewohnbarkeit der Welt.

Anlässlich der Ausstellung "KWTHIERBACH"

Galerie Merbecks, Chemnitz, 30. Oktober – 17. Dezember 2015

Lydia Wahrig, Bildende Künstlerin

 

Luise Ritters Zeichnungen eröffnen uns einen verblüffenden Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit. Das Innere wird nach Außen gestülpt und sichtbar gemacht. Der Betrachtende wird in die mit dem Zeichenstift abgemessene Welt hineingezogen und läuft Gefahr, sich in der Detailfülle der abgebildeten Räume, Straßenzüge und Landschaften zu verlieren. Oder möchte hier doch zumindest einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen, da es einiges zu entdecken gibt. Angesichts der intim anmutenden Einblicke, die die Zeichnungen der Innenräume bieten, wird der Betrachter auch teilweise zum Voyeur. Auch ein leichtes Schwindelgefühl kann auftreten.

Der Raum spielt bei Luise Ritter eine wichtige Rolle, zum Einen der durch die Zeichnung konstruierte Bildraum, zum Anderen der Dialog mit dem Raum, in den die Zeichnung interveniert; ganz klassisch mit Stiften auf Papier im Rahmen oder unter Einsatz von verschiedenen Materialien wie Fenstermalfarbe und Karton, der skulptural geformt wird. Luise Ritter wurde 1987 in Leipzig geboren und studierte in Halle an der Saale, Leipzig und Rom Freie Kunst, Illustration und Grafik.

 

ENG

Luise Ritters drawings reveal a perplexing view on our everyday surroundings. The inside is turned to the outside and made visible. The beholder gets drawn into a pencil-measured world and runs the risk of loosing himself in the richness of details of the depicted rooms, streets and landscapes.

Space plays an important role in Luise Ritters work. Image space is created on one hand within her drawings, on the other hand her works intervene with the space that surrounds them, either classically with pens on paper in a frame or with the use of different materials, like window color and cardboard, formed in a sculptural way.